DDR-Fernsehereignis: „Daniel Druskat“ feierte vor 50 Jahren Premiere
„Daniel Druskat“ gilt bis heute als legendärer DDR-Fernsehfilm.
Ein Dorf an der Müritz fieberte bei den Dreharbeiten 1975 mit.
Kurz nach der Premiere wurde der Film allerdings verboten.
Die DDR-Stars Manfred Krug (2.v.l.) mit Frau und Kind, Angelica Domröse (4.v.r.) und Hilmar Thate (3.v.r.) inmitten der Familie Berkholz: Tante Anni (Mitte) und die Schwestern Antje (rechts vorn) und Christa (rechts hinten). Auch Hofhund „Prinzi“ durfte nicht fehlen.
BuchholzAchim Berkholz kann sich gut an diesen Sonntagnachmittag Ende August 1974 erinnern: Ein überraschender Besuch aus der Hauptstadt sorgte dafür, dass das Leben seiner Familie in dem Dörfchen Buchholz südlich der Müritz für Wochen auf den Kopf gestellt werden sollte. „Wir saßen am Kaffeetisch, als zwei Wolgas mit Berliner Kennzeichen auf unseren Hof fuhren“, sagt der heute 73-Jährige. Mehrere Männer stiegen aus. Ein Mittvierziger wandte sich entschlossen an die Eltern Erika und Werner Berkholz: „Wir wollen bei Ihnen einen Film drehen, einen Film über die Landwirtschaft.“
Später stellte sich heraus, dass es sich um den bekannten DDR-Regisseur Lothar Bellag handelte, der mit seiner Filmcrew angereist war, darunter Kameramann Jürgen Heimlich. Bellag hatte den Dreiseitenhof in Buchholz als Drehort für den Hof von Max Stephan auserkoren, ein erfolgreicher Genossenschaftsbauer, der in dem ab dem 12. April 1976, also vor 50 Jahren, erstmals ausgestrahlten Fünfteiler „Daniel Druskat“ von Manfred Krug gespielt werden sollte.
Familie Berkholz war perplex angesichts des Besuchs aus Berlin. Niemand hatte ihnen wegen des Filmprojekts vorab Bescheid gegeben. „Hätte mein Vater vorher gewusst, welcher Film gedreht werden sollte, hätte er wohl nicht zugestimmt“, meint Achim Berkholz.
Bauer Berkholz wurde
unter Druck LPG-Mitglied
Den historischen Hintergrund des Romans von Helmut Sakowski bildet die sogenannte sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR, sprich, die mehr oder weniger freiwillige Umwandlung von privatem Eigentum an Boden, Vieh und Technik in genossenschaftliches. Werner Berkholz war ein privater Bauer, der eher unter Druck LPG-Mitglied wurde, sagt sein Sohn.
Der Vater hatte den Hof um die Jahrhundertwende aufgebaut. Buchholz war eines der wenigen mecklenburgischen Dörfer mit ausschließlich freien Bauern. Zum Berkholz-Hof mit rund 8000 Quadratmetern Grundstück gehörten 50 Hektar Ackerland. Als vergleichsweise „kleiner“ Bauer wurde Berkholz im Zuge der Bodenreform nicht enteignet.
Zunächst hatten die Buchholzer Bauern freiwillig eine LPG Typ I gegründet, in der das Land gemeinsam bewirtschaftet wurde. „In die LPG Typ III, in die dann auch das Vieh und die Technik eingebracht wurde, ging mein Vater unter Druck erst 1968“, sagt Achim Berkholz. Es habe lange gedauert, ehe sich sein Vater mit dem Verlust der Selbstständigkeit abgefunden hatte.
SED-Funktionär Fritz Dallmann kannte den Hof
Aber wie kamen die Fernsehleute ausgerechnet auf den Hof in Buchholz? Berkholz vermutet, dass das mit Fritz Dallmann (1923-1999) zusammenhing: Er war Vorsitzender der LPG im Nachbardorf Priborn und hat Werner Berkholz oft besucht. Ab 1964 war Dallmann Mitglied des SED-Zentralkomitees, in dem seit 1973 auch Helmut Sakowski saß, Autor des Romans „Daniel Druskat“. Dallmann dürfte Sakowski den Berkholz-Hof für die Filmaufnahmen empfohlen haben.
Im März 1975 rückte die 30- bis 40-köpfige Filmcrew auf dem Hof an, den das DDR-Fernsehen bis Oktober gepachtet hatte. Zum Tross gehörten Schauspielstars wie Angelica Domröse, Hilmar Thate (Irene und Daniel Druskat), Ursula Karusseit, Manfred Krug
(Hilde und Max Stephan), Angelika Waller und Käthe Reichel.
Filmszene aus „Daniel Druskat“ mit Hilmar Thate, Angelica Domröse (Mitte) und Carola Braunbock als Frau Ziesenitz
Schauspieler gehörten
zur Familie Berkholz
Über mehrere Monate gehörten die Schauspieler fast zur Familie. Insbesondere Mutter Erika Berkholz sowie Tante Anni, ihre mit im Haus lebende Schwester, waren beliebt. Wenn den Darstellern das Gemeinschaftsessen für das Dreh-Team nicht schmeckte, kamen Krug, Thate und Domröse in die Küche und fragten: „Tante Anni, hast Du noch eine Portion Mittag für uns übrig?“
Vornehmlich Krug hat bleibende Erinnerungen hinterlassen: Während die meisten vom Dreh-Team am Morgen mit dem Bus aus Neubrandenburg kamen, wo sie im Hotel „Vier Tore“ logierten, reiste der Star in der Regel mit seinem privaten Auto an. An einem Drehtag kam er zwei Stunden zu spät und bekam riesigen Ärger mit Regisseur Bellag, erinnert sich Achim Berkholz. „Daraufhin stürmte er in die Küche und rief: Tante Anni, ich muss jetzt erst einmal einen Schnaps trinken.“
Eine weitere Krug-Anekdote: Durch die vielen zusätzlichen Nutzer sei eines Tages die Toilette im Haus verstopft gewesen, was Erika Berkholz ziemlich aufgeregt habe. Manfred Krug sicherte ihr zu: „Ich kümmere mich!“ Nach ein paar Minuten kam er mit hochgekrempelten Ärmeln zurück in die Küche: „Alles wieder frei!“
Domröse und Thate verliebten sich beim Dreh
Das Dorf Buchholz und der Film „Daniel Druskat“ spielten auch eine besondere Rolle im privaten Leben von Angelica Domröse und Hilmar Thate: Während der Dreharbeiten verliebten sie sich ineinander. „Ich weiß noch, wie sie Händchen haltend auf dem Sofa in unserem Wohnzimmer saßen“, sagt Berkholz. Thate war zu dem Zeitpunkt bereits geschieden, Domröse trennte sich kurz nach den Dreharbeiten von ihrem Mann Jiří Vršťala, der sich in der ČSSR und der DDR einen Namen als „Clown Ferdinand“ gemacht hatte. 1976 heirateten Domröse und Thate.
Mit Thate verbindet Achim Berkholz eine besondere Erinnerung: Seine Familie hatte auf einer abseits gelegenen Wiese ein Pferd stehen. „Komm, wir fahren mal schnell zum Pferd“, rief ihm Thate öfter zu. Mit dem Motorrad ging es zur Koppel. Der Schauspieler mochte das Pferd, das Pferd mochte seine Lederjacke, die es jedes Mal ableckte.
Neben dem Berkholz-Hof gab es weitere Drehorte in Buchholz, das im Film Horbeck heißt: die kleine Kirche gegenüber, ein Haus für die Druskats und die Dorfstraße, die dank der Filmarbeiten auch einen neuen Belag bekam. Das Haus von Familie Berkholz ist neu verputzt worden, die Innenräume wurden mehrfach gestrichen. „Unser Wohnzimmer bekam eine Tapete, die ich in der DDR so nie gesehen habe.“ Für eine Szene sei im Hof sogar ein neuer Vorgarten angelegt worden.
Auch andere Buchholzer erinnern sich an Filmanekdoten, so der Priborner Kulturhausleiter Rolf Quanter. Er spielte in einer kleinen Rolle einen SS-Offizier, nachdem der vorgesehene Komparse ausgefallen war. Quanter erinnerte sich an eine Szene, in der sich Max Stephan und Daniel Druskat prügeln sollten. Bevor Krug und Thate loslegten, holten sie sich aus dem Konsum zwei Flaschen Sekt, die sie vor der „Schlägerei“ tranken.
DDR-Zeitschriften brachten große Titelgeschichten
Die Medien berichteten ausführlich über „Daniel Druskat“. Es gab üppig bebilderte Geschichten in der Fernsehzeitschrift „FF dabei“ und der „NBI“, deren Titel Porträts von Thate beziehungsweise Domröse zierten. Eher sachlich besprachen Regionalzeitungen wie die „Freie Erde“ den Fünfteiler. „Eine erregende Geschichte, erzählt mit soliden handwerklichen Mitteln und vorgetragen von einem ausgezeichneten Schauspielensemble, haben wir erlebt“, urteilte der „FE“-Rezensent am 21. April 1976 nach der Ausstrahlung. Im September wurde „Daniel Druskat“ im zweiten Programm des DDR-Fernsehens wiederholt.
Danach schauten die Interessierten für Jahre in die Röhre: Im Kontext des Protestes gegen die Ausbürgerung des Sängers Wolf Biermann 1976 verließen Manfred Krug, Angelica Domröse und Hilmar Thate die DDR. „Daniel Druskat“ kam auf den Index. Erst im Dezember 1989 wurde die Serie wieder im DDR-Fernsehen ausgestrahlt.
Achim Berkholz in der Küche: Das obere Foto von den Dreharbeiten in der Zeitschrift zeigt den Herd-Abzug, den es bis heute gibt.
Achim Berkolz und seine Schwestern haben den Hof in Buchholz 2017 verkauft. Geblieben sind Zeitungen, einige Bilder mit den Stars sowie viele Anekdoten.
Zum Jubiläum ist „Daniel Druskat“ nicht im Fernsehen zu sehen, wie NDR und RBB auf Anfrage unserer Zeitung erklärten. Der MDR reagierte nicht auf unsere Anfrage. Erhältlich ist der Fünfteiler auf DVD.

